Das Wilsche Thor  


  "...sechs scheffel korns vnde eyn swyn zeumesten
 vyr wochen von der mol, die da vor dem
 Wylandisschen tore an dem Sehe allernest gelegen ist..."

So heißt es in einer Aufstellung der erkauften Gefälle und Zinsen vom 25. November 13911) und diese Urkunde dürfte wohl die erste sein, in welcher das Wilsche Thor und der Platz davor, mit seinen Seen und Mühlen, erwähnt ist. Noch heute heißt der Stadtteil südwestlich des damaligen und längst abgerissenen Wilsdruffer Tores wegen seiner einst zahlreichen Seen die Seevorstadt, ja es gibt innerhalb des engeren Stadtgebietes die Seestraße, während sich allerdings für das Stadtgebiet unmittelbar westlich des Wilschen Tores die Bezeichnung Wilsdruffer Vorstadt, im Dresdner Jargon auch "Topplappenviertel" durchgesetzt hat. Das soll aber nicht Bestandteil unserer Betrachtung sein, sondern diese Internetpräsentation, herausgegangen aus der ersten Serie des Jahres 2007 im "Täglichen Dresdenbild" wird sich intensiv mit dem Platze vor dem Wilsdruffer Tore beschäftigen.

Wie einst das "Wylandische tor" und der Platz an dessen Ausgang ausgesehen hat, davon gibt es keine Zeitzeugnisse. 27 Jahre nach dem Schreiben der oben genannten Urkunde, im Jahre 1416, wurde ein neues Tor am westlichen Ausgang der mittelalterlichen Stadt errichtet, welches beim Bau der Festungsbauwerke in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in diese mit einbezogen wurde. Zusammen mit der Bastion auf dem so genannten Wilschen Berg, welche im Jahre 1721 den Namen Bastion Saturnus erhielt, prägte das Wilsche Thor, später Wilsdruffer Thor genannt den westlichen Abschluss der Stadtbefestigung bis zu derer Niederlegung. Noch sind wir aber nicht soweit, im Jahre 1658 wurde zunächst erst einmal eine Reparatur des markanten Daches des Torturmes fällig. Vor allem Witterungseinflüsse machten einen Abbruch und Wiederaufbau der Turmspitze notwendig und aus dieser Zeit stammt eine Urkunde, die bei der Niederlegung des Turmes im Knauf gefunden wurde und auch folgendes wiedergibt:

    "...(daß) der allgetreue Gott viele lange Zeit erhalte und wende alles Unheil und Gefahr von unserer Festung auf diesem Orte in allen Gnaden ab." 2)

Bernardo Bellotto, besser bekannt als Canaletto, schuf in seiner Vedutenmalerei hervorragende Stimmungsbilder Dresdens im 18. Jahrhundert und diese stellen heute einen Schatz in der Gemäldegalerie dar. Besonders die akribische und äußerst sorgsame Malerei, die einer heutigen Fotografie sehr nahe kommt, gestattet das Aussehen des Wilsdruffer Thors und des Platzes davor genauestens nachzuvollziehen. Besonders zwei Gemälde zeigen die damalige Bausituation. Das wohl in den Jahren 1749 - 1753 geschaffene Bild "Der ehemalige Zwingergraben in Dresden", welches im rechten Hintergrund den Wilsdruffer Torturm und links daneben die alte so genannte Spiegelschleife zeigt. Besser noch die nahezu in der gleichen Zeit erschaffene Vedute "Die ehemaligen Festungswerke in Dresden". Aus diesem Bild ist der nebenstehende Ausschnitt zu sehen. Auch hier wieder links das Gebäude der Spiegelschleife, das Adamsche Haus. Noch bekannter wurde das Gebäude, welches bis zu seiner Zerstörung im Februar 1945 am späteren Postplatz stand, als Stadtwaldschlößchen. Rechts davon die Anlagen des Wilsdruffer Tores. Im Hintergrund der markante Wilsdruffer Torturm. Davor der Hersenturm, rechts davor die so genannte Katze. Der vorgelagerte Hersenturm erhielt seinen Namen von der sich einst darin befindlichen Herse, einem Fallgatter. Dieses wurde durch Einrichtungen im Inneren des Turmes gehoben oder gesenkt und bildete somit die bauliche Sicherung des Tores. Warum die kleinen aufgestelzten Schilderhäuschen den Namen Katze erhielten, wer weiß. Vielleicht fütterte die Wachmannschaft zum Zeitvertreib diese Tiere an, so wie es heute noch die Kompaniekatzen gibt. Auch auf anderen Veduten Canalettos sind solche Katzen zu erkennen und wurden nach den jeweiligen Toren benannt. So entstand wohl der noch heute selten aber doch mitunter anzutreffende Begriff der "Katze auf dem Wilschen Tore".

Wollte man nun durch das Wilsdruffer Tor in die Stadt hinein, so musste man zunächst einen Schlagbaum und dann doppelflügliges hohes Tor durchschreiten, überquerte auf einer hölzernen auf Steinpfeilern stehenden Brücke den Stadtgraben. Die letzten Meter der Brücke waren jedoch vollkommen steinern und in drei Bögen ausgewölbt. Dann betrat der Stadtbesucher, nach dem Durchschreiten des Fallgatters im Hersenturm, das geräumige Gewölbe des Wilsdruffer Torturmes. Das rechts stehend Bild, aus den "Abbildungen von Dresdens alten und neuen Prachtgebäuden, Volks- und Hoffesten", erschienen im Jahre 1835 in der Grimmerschen Buchhandlung Dresden, Bestand SLUB, entnommen, zeigt die düstere Situation im Inneren des Wilsdruffer Torturmes. Man verließ wohl  lieber sehr schnell wieder das Bauwerk um sich nun ins Innere der Stadt Dresden zu begeben. Zuvor musste man sich aber sicherlich einige Befragungen ob der Grund des Besuches gefallen lassen oder gar einen Zoll bezahlen. Das besonders wenn man irgendwelche Waren auf dem Markte feilbieten wollte. Nun waren die Lichtverhältnisse besser, denn eifrig, dem Marktplatz zu konnte man die Wilsdruffer Gasse durchschreiten, die allerdings in ihrer Weite mit der heutigen Wilsdruffer Straße überhaupt nicht zu vergleichen ist. Ein Situationsbild des Wilsdruffer Tores von der Wilsdruffer Gasse her gesehen liefert das linke Bild, welches ebenfalls aus dem vorgenannten Buche entnommen wurde. Diese Zeichnung muss jedoch später als das Canalettosche Gemälde entstanden sein, schmiegen sich doch am Wilsdruffer Torturm neu erbaute Häuser an. Rechts des Tores befand sich eine kleine katholische Kapelle und von dieser Kapelle blieb, nach der Niederlegung des Tores, einzig und allein die Kanzel erhalten, hat die Wirren der Zeit überstanden und befindet sich heute in der neu konzipierten Dauerausstellung im Stadtmuseum Dresden. Aber so weit sind wir noch nicht mit unseren Betrachtungen. Kehren wir wieder zu den Festungsanlagen zurück. Diese zogen sich übrigens, vom Seetor herkommen über die Bastion Merkur zur Bastion Saturn, auf dem Ausschnitt aus dem Bilde Canalettos rechts gerade noch zu erkennen, zum Wilsdruffer Tor, dann weiter entlang zur Kirche des Barfüßerklosters, der späteren Sophienkirche, knickte in westliche Richtung ab um den Zwinger zu umgeben. Der heute noch vorhandene Wall und der Zwingergraben sind die letzten Rudimente der Verteidigungsanlage an der westlichen Seite der Stadt. Der Verlauf der Zeit machte die Stadtbefestigung jedoch bald überflüssig. Diese behinderte mehr den Verkehr als sie die Stadt schützte, konnte sie doch diesen Schutz mit der Vervollkommnung der Waffentechnik schon bald nicht mehr ausführen. Schon im Jahre 1738, also noch bevor Canaletto seine Stadtansichten schuf, wurde mit der Niederlegung des ersten Teils der Stadtbefestigung begonnen. Allerdings zunächst nur an der Elbbrücke um Augusts heimlichen Prunkbau, die Katholische Hofkirche, errichten zu können. Auch hiervon geben bezügliche Veduten aus Canalettos Hand Zeugnis (auch deshalb steht in der Bildbenennung wohl immer die Bezeichnung ehemalig). Im Jahre 1760 wurde jedoch schon intensiver über die Niederlegung des Festungswalles und der Stadttore nachgedacht. Darüber soll die nächste Seite Auskunft geben.