Der Weichenstellturm  


  "Auf dem Postplatz, gegenüber Bargou will man eine Plakatsäule errichten unmittelbar an der Bordkante, ich frage mich: ist die Platzauswahl Lehrlingsarbeit? Bitte sehen Sie sich dies einmal an: soll das Publikum sich auf die Straße stellen beim Lesen der Anschläge..."1)

So teilt ein gewisser O. Asmuss seinen Unmut über die seines Erachtens idiotische Aufstellung einer Litfaßsäule am Stadtwaldschlößchen dem Stadtverordneten Bösenberg mit. Und in der Tat. Irgendwie war die runde Reklamemöblierung anscheinend fehl aufgestellt. Direkt am Straßenrand stand das Dings und es sollte noch "schlimmer" kommen, direkt zwischen Säule und Bordsteinkante sollte zwischen einzelnen Sandsteinsäulen eine Kette gespannt werden, letztlich blieb es allerdings, nach Postkartenansichten, bei einer einfachen Absperrung mittels Stangen und Seilen. Also doch irgendwelche Scheiße die von den Dresdner Stadtoberen, wie damals schon üblich, beschlossen wurde?

Mitnichten. Als der Postplatz zwischen 1925 und 1927 verkehrsmäßig umgestaltet wurde, da machte man sich Gedanken den Verkehrsfluß der aus Richtung Altmarkt den Postplatz zustrebenden Straßenbahnen zu straffen und den Einfahrtbereich zum Areal durchlaßfähiger zu machen. Dazu ist zu bemerken, dass damals eine wesentlich dichtere Zugfolge als heute aufzuweisen war und es an dieser Stelle eine dreifache Gleisaufteilung gab. Die Seite über diesen Umbau berichtet ja ausführlich darüber. Diese Gleisaufteilung bedingte das Hintereinanderlegen zweier Weichen, was zu Problemen mit der elektrischen Stellvorrichtung führte. Nach Einführung der elektrischen Stellvorrichtung mittels der so genannten Rechtsstromweichen in Dresden, war das Stellen zweier unmittelbar folgender Weichen mittels Fahrstrom bzw. der Null-Lage und oder umgekehrt zwar nicht unmöglich, aber doch ein Gefahrenpotential, welches ebenfalls entschärft werden sollte. Zwar scheint es, nach Aktenlage, schon vor dem Umbau einen Weichenstellerposten gegeben haben, aber dieser stellte wohl vom Straßenrand der Einmündung der Sophienstraße aus die Weichen auf mechanischen Wege. In einem Brief der Städtischen Straßenbahn an das Hochbauamt vom 18. Juli 1927 heißt es dazu:

    "Nach der Umgestaltung des Postplatzes muss der jetzt an der Einmündung der Wilsdruffer Straße vor dem Kaufhaus Bargou Söhne postierte Weichensteller einen anderen günstigeren Standort erhalten"2)

Und in eben diesem Brief machte die Direktion der Straßenbahn auch gleich noch einen sinnreichen Vorschlag. Ein Turm sollte her, eigentlich nur ein Türmchen mit einem Ausguck, wo der Weichensteller mit Argusaugen die ankommenden Züge beobachten und dann, nein, nicht mehr mittels Seilzüge, sondern elektrisch die Fahrstraßen stellen sollte. Praktischerweise lieferte die Bauverwaltung gleich zwei Skizzen mit. Betrachtet man sich diese, so sieht der erste Entwurf eine Art viereckige Kanzel vor, welche auf einer Stelze steht, an der eine anklappbare Leiter angebracht ist. Der zweite Entwurf sah das ganze in einer Litfaßsäule verkleidet vor, aber auch hier thronte eine etwas überdimensionierte runde Kanzel obenauf. Gleichzeitig beeilte sich die Bauverwaltung zu erklären, dass man doch die Planungen beschleunigen sollte. Man hatte wohl noch das Dilemma mit der Wartehalle vor Augen, was einige Tage vorher über die Bühne gegangen war. Im oben genannten Brief heißt es dazu weiter:

    "Die Angelegenheit ist ausserordentlich dringend, weil mit der Umgestaltung des Postplatzes jetzt begonnen wird und weil die Anfertigung der elektrischen Stellvorrichtung, die mindestens 5 Wochen Zeit beansprucht, von der Form und Lage des Weichenstellturms abhängig ist."3)

Nun, so schnell ging es nun auch wieder nicht. Der erste Entwurf, einem Wachturm gleich, fiel gleich durch und der zweite war wohl mit seiner überdimensionierten Kanzel auch nicht das Wahre für den schmucken Postplatz. Und so musste die Bauabteilung Hausaufgaben machen und lieferte am 31. August 1927 einen dritten Entwurf. Wiederum eine Litfaßsäule mit einem etwas gefälligeren Ausguck unter einem Dache mit der Werbung für den Dresdner Anzeiger. Dieses Projekt wurde genehmigt und schließlich auch errichtet. Neben dem Ausguck wurde im Inneren des Turmes gar "eine Waschgelegenheit für den Weichensteller sowie ein Pissbecken für denselben"4) eingebaut. Allerdings musste wegen der Verhinderung von Geruchsbelästigung noch Rücksprache mit dem Tiefbauamt, Abteilung für Heimschleussenentwässerung genommen werden. Was es so alles für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen in der städtischen Verwaltung gab. Das nebenstehende Bild, eine Ausschnittsvergrößerung aus einer Postkarte, zeigt das Bauwerk hinter dem Beiwagen der in Richtung Ostraallee fahrenden Straßenbahn der Linie 2 (das ist nur auf der Originalpostkarte zu erkennen). 4,55 Meter war die Säule, bis zur Unterkante des Daches hoch, bei einem Durchmesser von 1,50 Meter. Die Höhe des Stellraumes betrug 1,95 Meter, wobei die Unterkante der Fenster 1,40 Meter über dem Fußboden lag. Der Weichensteller musste also entweder seine Arbeit im Stehen verrichten, oder saß auf einem Podest, was neben dem voluminösen Stellapparat auch noch den Platz einengte. Sicher wahrlich kein Vergnügen dort zu arbeiten. Dafür war eine Art Müllschlucker angebracht. Ein Abfallrohr führte vom Stellraum im Inneren der Litfaßsäule nach unten. So konnte der Beamtete sein "Bemmpapier" gleich auf elegante Weise entsorgen. Wie aber funktionierte nun das Ganze. Darüber gibt ein ausführlicher Bericht im Dresdner Anzeiger vom 4. November 1927 Auskunft, dem auch das Bild des Stellapparates entnommen wurde. Auf der oberen Seite des Stellapparates war die Weichenstraße angebracht, deren Leuchtfelder die jeweilige Weichenstellung, aber auch Störungen signalisierte. Diese konnten angeblich durch Schalthandlungen von der Warte aus beseitigt werden. Die links und rechts des Mittelteils angebrachten Leuchtfelder signalisierten dem Weichensteller, ob die jeweiligen Weichen frei waren oder sich ein Straßenbahnwagen darauf befand. Ausgelöst soll das ganze durch Schaltkontakte in den Gleisen worden sein, ich glaube aber eher durch Oberleitungskontakte. Übrigens Oberleitung. Eine sinnreiche Signalisierung zeigte dem Wagenführer die jeweilige Stellung der Weiche an, ob sie jedoch mechanisch verriegelt war, geht nicht aus dem Bericht hervor. Aber weiter zum Stellapparat. Gestellt wurden die Weichen schließlich durch zwei jeweilige Hebel, die sich links und rechts des Kastens befanden. Nach einer Erprobungsphase plante die städtische Straßenbahn weitere Weichenstelltürme dieser Art aufzustellen. So auf dem Albertplatz, dem Stübelplatz und am Neustädter Bahnhof. Allerdings blieb es doch nur bei diesem Einzelstück. Entweder der in der Zeit von 5 Uhr bis 1 Uhr ständig besetzte Turm bewährte sich nicht, oder die Anlage war einfach zu teuer. Wie lange diese Apparatur in Betrieb blieb ist derzeit auch nicht zu ermitteln. Ein privates Foto, welches aufgenommen wurde als man die Ruine des Adamschen Hauses abriss, zeigt die Litfaßsäule. Allerdings ist nicht darauf zu erkennen, ob der Ausguck noch intakt war. Ein weiteres Bild, in der Deutschen Fotothek befindlich, zeigt den ersten Umbau des Postplatzes nach 1945. Da ist die Litfaßsäule nicht mehr vorhanden, jedoch befindet sich unmittelbar an der Weiche ein kleines Büdchen. Vielleicht wurde von dort aus die Weiche gestellt, ähnlich wie einst am Altstädter Ausgang der Augustusbrücke.

Heute kann man sich eine so personalintensive Apparatur nicht mehr vorstellen. Die heutige Einrichtung zum Stellen von Straßenbahnweichen und auch die moderne Sicherheitstechnik machen allerdings so einen Posten auch entbehrlich.