Die Sophienkirche  


  "Nehmen wir als Beispiel die Sophienkirche am Postplatz. Jedem Fachmann ist klar, daß diese Ruine nicht in der Gestalt wieder aufgebaut werden kann, wie sie im 19. Jahrhundert zurechtgeschustert wurde. Niemand leugnet, daß einige Teile historische Dokumente des 13. Jahrhunderts sind. ... Aber in der Westpresse wurde Artikel mit Abbildungen der unzerstörten Sophienkirche veröffentlicht, die die Dinge so darstellen, als wollten wir gegen den einmütigen Willen der Dresdner das intakte Bauwerk in die Luft sprengen."1)

So versuchte der damalige Dresdner Oberbürgermeister Prof. Herbert Gute den Abriss der Ruine der ehemaligen Kirche des Franziskanerklosters schön zu reden. Zweifelsohne hat diese Niederlegung irreparablen Schaden in der Baulandschaft Dresdens zugeführt, war politisch motivierte Bilderstürmerei und kann zu Recht, derb ausgedrückt, als ein Akt der Kulturbarbarei bezeichnet werden. Zwei Kernaussagen dieses Zitates verdienen jedoch, da im Grunde genommen stimmig, Beachtung. Auch heute noch wird im allgemeinen Sprachgebrauch vom Abriss der Sophienkirche gesprochen, (unter der kommunistischen Herrschaft wurde die Sophienkirche gesprengt und ähnliche Sätze, die man immer wieder hört), was jedoch nicht voll der Wahrheit entspricht. Gesprengt wurde die Kirche in der Bombennacht des 13. Februar 1945 und bis zum Jahre 1960 stand diese Ruine, teilweise gesichert, teilweise dem Verfall preisgegeben, an der Sophienstraße. Auch wäre die Rolle der Eigentümerin dieser Gotteshausruine etwas kritischer zu hinterfragen, wobei nicht der mutige und lautstarke Protest einer ganzen Anzahl kirchlicher Würdenträger, sondern die evangelische Kirche als Organisation gemeint ist. Auch wurden keine Sprengladungen an den Bauwerksresten der alten Franziskanerkirche angebracht, sondern das Gebäude, vielmehr was davon übrig war, abgetragen. Sicher nicht immer fachgerecht und nicht immer im Sinne der Denkmalspflege. Viel wichtiger jedoch ist die Bemerkung des "zusammengeschusterten" Kirchenbaues. Und hier lag Prof. Gute richtig. Vor allem die Umbauten in der Zeit des 19. Jahrhunderts ließen schon damals jeden halbwegs interessierten Dresdenliebhaber die Haare zu Berge stehen, führten zu Kopfschütteln und manch missmutigen Äußerungen. Ich will einer Serie in meinem "Täglichen Dresdenbild" nicht vorgreifen, die sich sehr intensiv mit verlorenen Kirchen meiner Heimatstadt, und daher auch mit dieser, beschäftigen wird, Jedoch gehört die einstige evangelische Hofkirche zum Areal des Postplatzes und soll darum auch Aufnahme in dieser Internetpräsentation finden.

Beginnen wir aber ganz am Anfang. Schon sehr früh ließen sich Mönche in Dresden nieder. Diese lebten nach den Regeln der Franziskaner, also nach Franciscus von Assisi, nicht abgeschieden in irgendwelchen Bergdörfern sondern mittendrin im Getriebe der aufblühenden Stätte um die Heilslehre zu predigen und durch Frömmigkeit und Nächstenliebe das Beste für die Menschen zu tun. Im Jahre 1272 wurde das Kloster der Franziskaner, auch Barfüßer genannt, erstmalig erwähnt und im Jahre 1351 mit dem Bau einer größeren Klosterkirche begonnen. Somit dürfte der älteste Teil der Briesnitzer Kirche im Westen Dresdens, deren Triumphbogen vor deren Apsis, doch noch ein wenig älter sein. Der anstelle einer kleinen Kapelle entstehende Bau an der westlichen Grenze des damals vor reichlich 150 Jahren erstmals genannten Dresden bildete den Grundstock der späteren Sophienkirche und machte sie deshalb so interessant und wertvoll, weil wesentliche Teile dieses frühen Baues, trotz mehrfachen Umbaus, bis zur Zerstörung erhalten blieben. Die Betonung muss aber auf Teile liegen. Eine weitere Besonderheit beschreibt Bruck so:
 

    "Die Dresdner Klosterkirche beansprucht in der Geschichte der deutschen Baukunst eine besondere Stelle deshalb, weil sie sogleich bei der Gründung zweischiffig mit zwei Choranlagen gebaut ist"2)

Auch war dieses Gotteshaus nach dem Gelübde der Franziskaner gebaut, ohne irgendwelchen Schnickschnack, als reine Predigtkirche und somit eigentlich ein Gotteshaus der vorreformistischen Zeit. Ein weiteres Kleinod war die Busmannkapelle, angebaut wohl um 1400 und diente als Kapelle der angesehenen Familie Busmann einschließlich letztlich auch als deren Begräbnisstätte. Das nebenstehende Bild zeigt das Innere der Busmannkapelle während der Umbauarbeiten im Jahre 1910. Wie schon bemerkt, ich will einer Serie im Täglichen Dresdenbild nicht vorgreifen und mache gleich einen Sprung zu den immer wieder durchgeführten Verschlimmbesserungen am Kirchenbau. Die erste Zäsur trat schon in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein. Die Klosterkirche wurde als Lagerraum und gar als Werkstatt für die Weinkellerei benutzt. Das bedingte die Herrichtung zu diesen Zwecken, man entfernte Glasfenster und mauerte diese zu, der Fußboden wurde mit Gattern zugebaut und selbst unter dem Deckengewölbe wurden Getreideschüttböden errichtet. Spuren dieser Böden, insbesondere die Vorrichtung zum Aufwinden des Getreides, hat sich nach Darstellung Brucks bis zum Umbau 1910 erhalten.  Erst im Jahre 1599 nahm der Rat zu Dresden wieder Besitz von der Kirche und ließ erst einmal die gröbsten Schäden, welche durch die profane Nutzung aufgetreten waren, beseitigen. Allerdings auch diese nicht so wie wir es heute durchführen würden. Da kann man den Herren damals allerdings keinen Vorwurf machen, damals kümmerte sich eben keiner um irgendwelchen Denkmalschutz. Das war aber alles nichts gegen den missglückten Umbau im 19. Jahrhundert. Es begann mit dem Jahre 1834. Hier wurde das Innere der Kirche nach damals modernen Maßstäben neu gestaltet. Man war wohl der Meinung, dass eine evangelische Hofkirche, deren Rang sie ja nun besaß, nicht mehr so wie eine gotische Barfüßerkirche auszusehen hatte, durchbrach flugs das Gemäuer um größere Fenster einzusetzen, versah das Innere der Kirche mit einen, wie man meinte, freundlicheren Anstrich und veränderte auch die Einrichtungsgegenstände. Die Emporen wurden mit Bildern versehen, welche allerdings:

    "...von geringen künstlerischen Werte (waren), hatten aber ihren dekorativen Zweck ... erfüllt"3)

1875 sind diese Emporenbilder wieder abgenommen und dem Stadtmuseum übergeben worden. Bleiben wir aber bei 1834. Als am 24. November 1834 die Kirche wieder geweiht wurde, da kam Murren und Unmut in der Gemeinde über die Veränderungen und die Wegnahme von Kunstdenkmälern auf, wie der Chronist zu berichten weiß. Allerdings gewöhnte man sich auch rasch an das freundlichere Aussehen. 1858/59 wütete wieder die Spitzhacke im Inneren der Kirche. Diesmal wurde eine Zentralheizungsanlage eingebaut und dazu heißt es:

    "Man fand bei der Aufdeckung der alten Kaloriferenheizung, (1910 M.S.) daß die damals mit der Ausführung und Aufsicht der Heizungsanlage Beauftragten in der verantwortungslosesten Weise gewirtschaftet hatten. Wertvolle Grabsteine mit reichem bildhauerischen Schmucke sind zerschlagen und Stücke derselben an weit abgelegenen Stellen in den Heizkanal vermauert, Wappen abgespitzt worden um die Steine besser auf den Heizkanal einzupassen."4)

Gleichzeitig machte der Rat aufgefundene Grabbeigaben zu Geld und veräußerte diese. Zum Beispiel ging eine silberne Christusstatue zum Taxwert an den Stadtrat Dr. Struve. Sehr schön. Aber die umfassendste "Erneuerung" stand schon an, die Umgestaltung des Äußeren.
Am 26. Juni 1854 erging vom damaligen Oberbürgermeister Pfotenhauer eine Bekanntmachung an die hiesigen Architekten und Baumeister. Im Einverständnis der Kirche hatte die Stadt beschlossen, den Westgiebel architektonisch verzieren zu lassen, was man immer auch damit meinte. Ausdrücklich wurde wurde schon im ersten Punkt dieser Ausschreibung festgelegt:

    "1. Der Stil dieses Restaurationsbaues ist in der Hauptsache nach dem zu erhaltenden Portale zu bestimmen, im Uebrigen soweit möglich in architektonischen Einklang mit den nächstgelegenen Zwingerbauten zu bringen. Bei dem Entwurfe ist die Flügligkeit ins Auge zu fassen, daß nach Befinden in Zukunft an die Flanken des Portalbaues zwei dem Giebelbaue entsprechende Thürme gestellt werden können, ohne daß bei Eintritt dieser Eventualität ein theilweiser Abbruch des jetzt herzustellenden Baues erforderlich sein würde."5)

Das muss man sich mehrmals durchlesen und dann, an Hand von Ansichten vergleichen, wie sehr der später ausgeführte Umbau davon abwich und die Abendseite verschandelte. Insgesamt acht Vorschläge gingen ein und wurden öffentlich ausgestellt. Der Vorschlag des Baumeisters Oscar Sommer wurde mit dem Hauptpreise, 100 Taler, ausgezeichnet, kam er doch den ausdrücklichen Forderungen am nächsten. Ich werden im Täglichen Dresdenbild näher darauf eingehen und den darauf folgenden Streit innerhalb der Leute die in Dresden das Sagen hatten eingehen. Es kam leider nicht zu der Ausführung dieses Umbauplanes, sondern der Umbau wurde Professor Arnold übertragen. Als dessen endgültiger Plan abgesegnet wurde, legte Baudirektor Eichberg sofort Protest ein:

    "...gegen die beabsichtigte Umgestaltung der Kirche, wie nachträglich gegen die im Jahre 1834 vorgenommene Zerstörung des Alten, wo bei der unternommenen vandalistischen Erneuerung der Kirche das Innere derselben aller historischen Denkmäler .... verlustig ging."6)

Man sollte sich überlegen die Worte vandalistische Erneuerung in den Sprachschatz zu übernehmen, nicht nur in der heutigen Postplatzkalamität. Übrigens, Bruck nannte diese Sätze (1912!!!) als ganz modern.
Auch jetzt wieder einen Sprung, Arnolds Turmfront wurde in den Jahren 1864 - 1868 errichtet und auf dem Bilde ist das Westportal (nach der neuerlichen Umgestaltung der Turmspitzen in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts) nach dem Umbau zu sehen. Zu sehen ist auch, wie sehr diese, nennen wir es mit dem neuen Wortschatz, vandalistische Erneuerung, von der Forderung der Ausschreibung abwich und wie störend diese vorgesetzte Doppelturmanlage den gotischen Giebel verunzierte. Sicher, einige, wenn nicht gar die Mehrzahl, der Leser dieser Seite werden mir nicht ganz zustimmen, ich bin aber der Meinung das Gefälligkeit noch längst nicht Anspruch auf besondere künstlerische Leistung hat und meine sogar, dass der heute viel geschmähte Anbau der Eisentreppe an das Landhaus im Gegensatz zur Aufstellung der Türme ein kleines Bausündlein war. Interessant und nur kurz erwähnt ist der Umgang mit den eigentlich zu integrierenden Renaissanceportal (auf dem ersten Bild gut zu sehen). Nach dem es leider abgebaut wurde, wollte wohl keiner diese "Altlast" haben. Sowohl die Frauenkirche, da ist es verständlich, als auch die Annenkirche, die Kreuzkirche und die Elias- und Trinitatiskirchgemeinden lehnten dankend ab. Sie fürchteten wohl zu hohe Kosten. Also wurde das auseinander genommene und eigentlich von der Schloßkapelle stammende Portal provisorisch untergebracht, denn auch seine Majestät wollte dieses Teil nicht wieder haben. Schließlich fand es Aufstellung am Jüdenhof, überstand beschädigt die Zerstörung, ist derzeit verschwunden und wird sicherlich recht bald wieder an die einstige und alte Sophienkirche erinnern.
Wieder ein Sprung. Schon bald nach dem missglückten äußeren Umbau werkelte man wieder im Innern der Kirche. Die Emporen wurden umgestaltet, die Silbermannorgel versetzt, die Zwischendecke in der Busmannkapelle ausgebaut, eine Gasbeleuchtung installiert und die ganze Kirche im Stile der Neugotig ausgemalt. Im 1908 sollte es gar noch schlimmer kommen. Schilling und Gräbner wurden beauftragt einen Plan zur wieder fälligen Renovierung der Kirche auszuarbeiten und diese, obwohl ein renommiertes Architektengespann, sahen aller Ernstes vor, die Gewölbe und die alten Pfeiler abzutragen und eine Horizontaldecke einzuziehen. Nun war es wirklich genug und endlich sprach der Rat zu Dresden einmal ein Machtwort. Der Oberbürgermeister Dr. Beutler und der Vorstand des Kirchenamtes Dr. Krumbiegel lehnten vehement diesen Vorschlag ab und im Jahre 1910 begann eine, nun endlich auch mal denkmalpflegerischen Gesichtspunkten genügende, umfassende Rekonstruktion des Innenraumes. Das nebenstehende Bild zeigt die damalige Bausituation. Als am Reformationstag des Jahres 1910 die Sophienkirche nach dieser Renovierung wieder geweiht wurde, waren einige wenige Verschlimmerungen im Innenraum ausgemerzt und die wenigen Dresdner, die sich noch an diese Sophienkirche erinnern, die kennen sie nur von dieser Seite. Zwei Bilder der Innenansicht sollen das belegen. Links die sattsam bekannte und immer wieder neu aufgelegte Postkarte und rechts der Ecce Homo vom Epitaph des Nosseni. Diese Skulptur, aber nur diese und ohne den Epitaph, wurde zu Beginn des Zweiten Weltkrieges im vermeintlich bombensicheren Keller der Frauenkirche eingelagert. Später erinnerte man sich nicht mehr daran und bei der archäologischen Enttrümmerung der Frauenkirche, auch hier werde ich einmal eine Serie aus meinen umfangreichen Archiv von über 2000 Fotografien ins Netz stellen, kam dieser Schmerzensmann  wieder zum Vorschein. Die Beschädigungen waren reparabel und so ziert dieser Ecce Homo heute einen Pfeiler in der Dresdner Kreuzkirche. Und es gibt noch ein Rudiment aus der alten Sophienkirche, was öffentlich besichtigt werden kann. Nicht nur das Maßwerk, welches sich sonst im Lapidarium befindet und derzeit im Gasometer ausgestellt ist, sondern auch der traurige Rest des von Bomben zerschlagenen Taufsteines aus der Busmannkapelle. Dieser befindet sich im Ständehaus und das untenstehende Bild zeigt einen Teil der einst reichen plastischen Verzierung. Wie schon gesagt, wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch eine äußerliche Veränderungen unternommen, die Turmspitzen, einst durchbrochen, wurden verkleidet. Allerdings ist mir bisher nicht bekannt ob der Statik wegen, oder ob man sich von der falschen Gotik endlich verabschiedete. Die Turmspitzen sahen sowieso genauso aus wie der Aufsatz des Cholerabrunnens, welcher wohl Arnold bei der Ausführung seines Umbaus stets vor Augen hatte und vielleicht als Vorlage nahm. Im Februar 1945 sprengten angloamerikanische Bomben das Gotteshaus, aber die Ruine stand noch lange Zeit anklagend auf dem Areal bis sie in blindwütiger Bilderstürmerei dem Erdboden gleichgemacht wurde. Dazu habe ich mich aber schon weiter oben geäußert. Von den zahlreichen Vorschlägen von einzelnen kirchlichen Würdeträgern und Denkmalsschützern die sich vehement, doch leider vergeblich, für eine Sicherung und Beibehaltung der Ruine aussprachen hätte mir besonders der Plan gefallen, die ungeliebte Turmfront abzureißen und den erhaltenswerten mittelalterlichen Baukörper als begehbare Ruine, sowie in anderen kriegszerstörten Städten auch (Coventry, Hamburg etc.) herzustellen. Sowohl die Kirche (als Organisation) als auch die atheistisch ausgeprägte Regierung der DDR hätten damit ihr Gesicht wahren können. Doch halt, eines noch kommt mir immer wieder hoch, wenn ich am Areal des einstigen Gotteshauses vorübergehe. Als die Kirchruine abgerissen wurde, da war ich im Kindergartenalter und kann mich nicht mehr daran erinnern bis auf eben dieses. Meine Großmutter ging mit mir einkaufen und im Gespräch mit einer Kollegin, meine Großmutter war Verkäuferin, fiel der Satz der sich bis heute in mir eingeprägt hat: "Es ist eine Schande eine Kirche abzureißen und dafür eine Kneipe hin zu bauen." Irgendwie fand ich das auch furchtbar. Als das Haus der Gastronomie schließlich errichtet wurde, da berührte dessen nördliche Flanke nicht einmal die südliche des einstigen Kirchgebäudes, grenzte nur haarscharf daran. Es blieb der Zeit nach der so genannten Wende vorbehalten, nach der Aufstellung eines Alibidenksteinchens und der Sichtbarmachung des Kirchenumrisses durch farbige Steine, auf deren Areal einen nichts sagenden Neubau zu setzen um eben darin - auch eine Kneipe einzurichten.

 Soli Deo Gloria.

 

Bildnachweis.

1. links, aus Bruck, die Sophienkirche in Dresden, 1912, Tafel 9
2. rechts, ebenda, Tafel 2
4. rechts, ebenda, Tafel 17
6. rechts, ebenda,, Tafel 25
3. links, Ansichtskarte
5. links, Ansichtskarte
7. links, eigene Fotografie
8. rechts, eigene Fotografie