Das Postscheckamt  


Es war im Jahre 1908, da erwarb der rührige Kaufmann Robert Bernhardt, welcher ein gut gehendes Modewarengeschäft am Freiberger Platz unterhielt, ein Areal auf der rechten Seite der beginnenden Annenstraße. Den sich an dieser Stelle befindlichen kleinen Pavillon ließ er abreißen und dessen Pächter, ein gewisser Maximilian Winkler, seines Zeichens Buchdrucker, musste sich eine andere Bleibe suchen. Mitsamt seinem Schatz an Ansichtskarten von Dresden und der Umgebung, die er als zweites Standbein in der so genannten Postkartenvilla verkaufte, verzog er sich auf den mittleren Teil der Annenstraße. Kurz nach dem Abriss klaffte eine über fünf Meter tiefe Baugrube an dessen Stelle und zog sich, entlang des schon einige Jahre zuvor gebauten Wohn- und Geschäftshauses Annenstraße 10, bis hin zur Großen Zwingerstraße und schon bald erhob sich aus dieser ein stattlicher Eisenbetonbau. Zwei Flügel entstanden jeweils an der Annenstraße und der Großen Zwingerstraße. Diese waren durch zwei schmale Seitenflügel verbunden, welche als Auflage eines gewaltigen Oberlichtes dienten. Mit einer Länge von 16 Metern und einer Spannweite von 10 Metern überspannte dieses den größeren der beiden Innenhöfe. Drei Verkaufsetagen des insgesamt vierstöckigen Bauwerkes gruppierten sich um selbigen, wobei die beiden oberen Etagen als Galerie ausgeführt waren. Auch die Errungenschaften der neuen Zeit hielten im Innern Einzug. Drei Aufzüge brachten die Kundschaft in die jeweils gewünschte Etage des nunmehr firmierten Modewarenhaus Robert Bernhardt. Der Ersteinbau einer Rolltreppe in Dresden blieb jedoch bekanntlich dem Kaufhaus Renner am Altmarkt vorbehalten. Dafür wurde die Fassade zur Annenstraße mit ihren bis zum Boden reichenden Schaufenstern elektrisch beleuchtet. Auf dem Dach prangte eine Lichtreklame und an der in Ziegelbauweise ausgeführten Fassade zum Postplatz hin zunächst der Name des Kaufhauses, später dann an der Schmalseite zur Annenstraße hin immer einmal wieder Reklame für alle möglichen Dinge, wie schon zuvor an der Brandmauer des Hauses Annenstraße 10.
Allerdings konnte sich Herr Bernhardt nicht allzu lang an seinem Neubau erfreuen. Die Wirren der Zeit, der Erste Weltkrieg, die Novemberrevolution und die beginnende Inflation ließen wohl die Geschäfte stark zurückgehen, der Laden machte schlichtweg Pleite und das Geschäftshaus ging 1920 in Liquidation. Nun trat die Reichspost auf den Plan. Immer wieder über Raumnot klagend erwarb sie die Immobilie und richtete darin, zunächst nur provisorisch, das Postscheckamt ein. Ein zweckmäßiger Umbau konnte erst, eben aus Gründen der gar nicht so goldenen 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, über zehn Jahre später erfolgen. Hinter dem Haupteingang an der Annenstraße entstand eine über 230 qm große Halle, in welcher sich insgesamt 12 Annahme- und Ausgabeschalter befanden. Ob jene auch immer besetzt waren? Im Lichthof richtete man, quasi als Großraumbüro, die Kanzlei und die Zahlstelle ein. Auf den Galerien befand sich die notwendige Maschinerie für eine effiziente Büroarbeit und auch eine Verbindung mit der Rohrpostanlage des Hauptpostamtes wurde hergestellt. Die für diesen Zweck eingerichteten so genannten Becheraufzüge standen auf jeder Etage. Äußerlich wurde Gebäude jedoch kaum verändert. Lediglich die einstigen Schaufenster an der Annenstraße wurden ausgebaut, ein Sockel gemauert und die üblichen Sprossenfenster eines Bürohauses wurden eingesetzt, die elektrische Beleuchtung der Fassade verschwand und statt der Leuchtwerbung für den einstigen Warenhausbesitzer strahlte nun im Neonlicht der Schriftzug "ODOL", dem bekannten Lingnerschen Mundwasser, vom Dache. Und über den Haupteingang hieß es nun, statt dem im Jugendstil geschriebenen Robert Bernhardt in steinernen Frakturlettern Postscheckamt.

Auch dieses Gebäude wurde in der Bombennacht vollständig zerstört. Wenn es auch, wie auch das erste Postamt, auf Fotografien der unmittelbaren Nachkriegszeit einen wiederaufbaufähigen Eindruck machte, so hatte wohl der Brand im Innern mächtig an der Statik gekratzt. Eine Luftmine riss die Fassade zum Postplatz hin auf, Trümmerteile des Gebäudes blockierten den Fußweg der Annenstraße und der Beton war an vielen Stellen abgeschalt. Das Oberlicht ausgeglüht, lag verbogen auf den Seitenflügeln, von denen die komplette vierte Etage gar nicht mehr vorhanden war. Die westliche Außenmauer an der Annenstraße hielt sich wohl nur noch im Konglomerat mit der ebenfalls stehen gebliebenen Brandmauer des Nachbargebäudes. Nur der Schornstein der Zentralheizungsanlage im kleineren Innenhof schien noch vollständig intakt zu sein und ragte anklagend über die Ruine hinweg.

Das Jahr 1951 brachte den vollständigen Abriss der Ruine, nachdem schon nach einer Aussprache im Juni 1950 mit allen Verantwortlichen:

    "die Beteiligten klar (waren), daß die Oberpostdirektion irgendwelche Rücksichtsnahmen beim Abbruch des Gebäudes nicht beansprucht" und Herr Paust von der Oberpostdirektion "einverstanden (ist), daß sämtliche Keller mit Schutt verfüllt werden können".1)

Auch wurde festgestellt, dass auf Grund der Verkehrslage das Gebäude nicht gesprengt werden könne und insbesondere zur Sicherheit der mit den Abriss beschäftigten Arbeitern ob der stehen gebliebene Brandmauer des Grundstückes Annenstraße 10 besondere Vorsicht zu walten sei.

Im Februar des Jahres fand erneut eine Begehung des Gebäuderestes statt und in dessen Niederschrift heißt es:

    "Das Gebäude soll restlos abgebrochen werden, wobei eine erhebliche Gewinnung von Grundbauziegeln, Stahl und Rundeisen zu erzielen ist. Vorbedingung muß es sein, daß vorher die Schuttmassen nach dem Postplatz zu mittels Kraftfahrzeug abtransportiert werden. Die Straßenfassade Annenstraße wird eingerüstet, der ca. 0,90 m ausladende Sandsteinsims durch ein Joch abgefangen."2)

Zuvor war schon der insgesamt 141 cbm große Schutthaufen vor dem Flügel zur Annenstraße hin gelöst und abgetragen und aus dem gesamten Gebäude immerhin 1.254 cbm Schuttmassen geborgen worden. Mit diesen nicht mehr verwendbaren Ruinenteilen wurden die Keller der Ruine, auch die in anderen im Umkreis stehender Ruinen verfüllt.. Bis zum Sommer 1951 arbeiteten bis zu 21 Personen an der Niederlegung dieses eigentlich dritten Postgebäudes am Postplatz, die Ziegel, der Stahl und sonst noch verwertbares Material wurden geborgen, der Rest auf die Kippe Heinz Steyer Stadion verbracht und einmal, während eines der damals üblichen Aufbausonntage, mit Straßenbahngüterwagen zur Kippe des ehemaligen Vogelwiesengeländes am Käthe Kollwitz Ufer. Bemerkenswert ist auch die Aufstellung der Kosten der Enttrümmerung. Diese beliefen sich für das ganze Areal Postplatz, Annenstraße, Flemmingstraße und Schweriner Straße auf 313.458,33 DM (so hieß damals noch die amtliche Währungsbezeichnung in der DDR). Schon für den Abtransport mittels Straßenbahn mussten jeweils 12 DM pro Stunde gelöhnt werden.3)

Nach der Niederlegung der Ruine blieb das Areal, eigentlich in seiner Gesamtheit bis heute, eine Brache, die nun hoffentlich einmal recht bald wieder mit einem Hochbau bedacht werden sollte. Es muss ja nun nicht mehr ein Postscheckamt sein und auch an Modekaufhäusern besteht wohl in dieser Gegend wirklich kein Mangel.