Die so genannte Käseglocke  


    "Lt. beiliegender Skizze beabsichtige ich auf dem Postplatz an einer den Verkehr nicht behindernden Stelle eine Straßenbahnwartehalle u. Auskunftsstelle mit Verkaufsstand, auf eigene Kosten aufzustellen."1)

Der in Dresden - Trachenberge ansässige Kaufmann Gustav Giersch schrieb an die Dresdner Baupolizei einen Brief, in dem er den Vorschlag machte eine Wartehalle auf dem Postplatz zu errichten. Der Stadt sollten dabei keine Kosten entstehen und er wollte auch die Kosten für die Unterhaltung dieses Bauwerks späterhin selber berappen. Gewiss, der Mann hatte mit der Einrichtung und dem Betreiben des darin befindlichen Verkaufsstandes handfeste kommerzielle Interessen, aber ihm war sicher auch der Übelstand der alten Wartehalle, wie so vielen Dresdnern, ein Dorn im Auge.
Schon bald nach der Legung der Straßenbahngleise auf dem Postplatz wurde eine hölzerne Wartehalle aufgestellt. Auf der nördlichen Dreieckinsel, westlich des Cholerabrunnens gelegen und mit einem Ausgang zu den westlich gelegenen Gleisen hin stand das gute Stück und ziert, wie die Bedürfnisanstalt, wohl so manche Abbildung aus jener Zeit. Kehren wir aber zum oben genannten Antrag zurück. Die Dresdner Stadtgewaltigen schreckten wohl ob des Vorpreschens eines ihrer Mitbürger und lehnten die ganze Sache erst einmal ab. Erst viele Jahrzehnte später wird die Verfahrensweise der Bereitstellung der heute so genannten Stadtmöbilierung mittels Fremdfirmen und die Kostenbestreitung durch Werbeeinnahmen durch Jc Decaux nicht nur in Dresden Gang und Gäbe sein. Aber zunächst blieb erst einmal alles beim alten. Die Wartehalle wurde immer nur wieder angepinselt, bekam später gar noch einen nach Osten ausgerichteten Vorbau mit Telefon für eine Aufsichtskraft und einen Lichtkasten auf das Dach gesetzt, mit welchem für den Dresdner Anzeiger geworben wurde. Aber ausreichend war die Behausung für den stetig wachsenden Straßenbahnverkehr nie. Sie stammte ja im Prinzip noch aus der Pferdebahnzeit. Erst mit dem Umbau des Postplatzes zwischen 1925 und 1927 überlegte man sich mit der Aufstellung einer, ja in einer Planung sogar mehrerer, Wartehallen. Letztlich machte ein Entwurf des Hochbauamtes das Rennen um die Gunst der Aufstellung. Schaut man sich dieses Projekt an, das nebenstehende Bild zeigt eine Zeichnung desselben, so hatte man einen wirklich guten und der Bausituation angemessenen Entwurf auf die Beine gestellt. Und das Tollste, die Wartehalle wurde unterkellert und in diesen sollte eine unterirdische Bedürfnisanstalt als Ersatz für die abzureißende alte Anstalt eingerichtet werden. Eine Seite innerhalb dieser Internetpräsentation gibt darüber Kunde. Ein weiterer Pluspunkt, der Cholerabrunnen hätte nicht versetzt werden brauchen, obwohl die Wartehalle an alter Stelle aufgestellt werden sollte und bedeutend größer als der alte hölzerne Fahrgastunterstand geplant war. In ihrer länglichen Form kam sie dem auf der Dreieckinsel stehenden Cholerabrunnen nicht ins Gehege. Wie sollte nun diese Wartehalle samt unterirdischer Bedürfnisanstalt aussehen. Das Fundament, die Kellerräume und der Sockel war in Betonguss geplant. Darauf sollte sich eine Eisenkonstruktion aufbauen, welche mit einem Kupferdach abgeschlossen worauf eine Lichtwerbung für den Dresdner Anzeiger aufgesetzt werden sollte. Zwei Eingänge zeigten in westliche Richtung und östlich war ein kleiner halbrunder Vorbau geplant, in welchem sich ein Dienstraum befinden sollte. Links und rechts des Vorbaus sollten die Treppen zur Bedürfnisanstalt führen. Im Inneren der Wartehalle war ein Zeitungskiosk geplant. Auch einen Betreiber für selbigen hatte man schon gefunden, die Verlagsfirma Bettenhausen. Mein Gott, was für ein Name für ein Gebäude der städtischen Straßenbahn zu Dresden. Wenn man sich die betreffenden Akten durchliest, so entsteht der Eindruck, dass dieses Gebäude wohlwollend angenommen wurde. Einige kleinere Änderungen sollten in der Planungsphase noch übernommen werden und so gaben die Verantwortlichen der betreffenden Unternehmen und Behörden am 14. Dezember 1926 ihr Ja zum Bau. Also eigentlich auch so, wie jeder normale Mensch so einen Bau auch durchführen würde. Gleichzeitig mit dem Aufreißen der Dreieckinsel infolge des anstehenden Gleisumbaues auch gleich mit die Wartehalle samt Bedürfnisanstalt zu errichten. Am 11. Januar 1927 wurden die überarbeiteten Bauzeichnungen der Wartehalle durch das federführende Hochbauamt vorgelegt und am 26. Januar 1927 beschloss das Tiefbauamt dem am folgenden Tage zusammenkommenden Stadtrat die Zustimmung des Baues nahe zu legen. Und was tat das Gremium? Es lehnte den Bau ab. Mit der Begründung:

    "...dass die Notwendigkeit der Errichtung dieses Verkehrsgebäudes z.Zt. nicht allenthalben anerkannt werden kann und bei der in absehbarer Zeit erforderlich werdenden Umgestaltung des Postplatzes Gelegenheit zur Errichtung des Verkehrsgebäudes an einer günstiger gelegenen Stelle gegeben sein würde."2)

Zur Erklärung ist zu bemerken, dass hiermit nicht der begonnene umfangreiche Gleisumbau, sondern eine völlig neue hochbaumäßige Umgestaltung des Postplatzes mit einer anderen Verkehrsführung gemeint war. Darüber wird noch zu berichten sein. Nun war guter Rat teuer. Das Grundstücksamt monierte auf Grund der nun vielleicht notwendigen, aber wegen des desolaten Bauzustandes eigentlich sinnlosen Erneuerung der alten Bedürfnisanstalt (siehe diese Internetseite), die städtische Straßenbahn richtete sich auf einen weiteren Erhalt ihrer alten Wartehalle nebst des kleinen angebauten Dienstraum ein und was die Abteilung Verkehrspolizei des Polizeipräsidiums dachte, dass steht zwischen den Zeilen und ist für den Druck eigentlich polizeilich verboten. Tja, schon damals hatten sich die eigentlich dem Wohle der Stadt zu dienenden gewählten Herren mit ihren oft nicht nachvollziehbaren Beschlüssen nicht nur Freunde gemacht. Also wurde mit dem Umbau der Gleisanlagen ohne dem Plan einer neuen Wartehalle begonnen. Dann jedoch eine Wende. Im Frühsommer des Jahres 1927 schüttelte das Hochbauamt eine neuen Plan einer Wartehalle aus dem Ärmel. Allerdings sollte sie nun nicht mehr länglich, sondern rund sein. Das bedingte jedoch den Abbruch und die Versetzung des Cholerabrunnens. Mittlerweile hatte das Elektrizitätswerk Wind von der Sache bekommen und fragte an, ob man denn da nicht gleich eine unterirdische Schaltstation mit einrichten könne. Nun war der Buhmann gefunden:

    "Entgegen der an alle beteiligten Dienststellen gerichtete Aufforderung, die mit dem Umbau Wilsdruffer Straße zusammenhängenden Einbauten und Umbauten rechtzeitig bekannt zu geben, ist erst jetzt verspätet von dort (dem Eltwerk M.S.) der Wunsch eingegangen, auf dem Postplatz eine unterirdische Umspannstelle einzurichten."3)

Eine Krisensitzung jagte die andere, die städtische Straßenbahn verwahrte sich gegen diese Arbeitsweise und legte förmlichen Protest ein, um bei der nun zu erwartenden Bauverzögerungen nicht den schwarzen Peter zugeschoben zu bekommen. Letztlich wurde die ganze Angelegenheit Chefsache. Man merke auf, der Herr Oberbürgermeister wünschte Bericht über den Bau einer unterirdischen Pinkelanlage nebst Wartehalle. Obwohl beschlossen wurde die Öffentlichkeit zunächst erst einmal im Unklaren zu lassen, sickerte doch etwas davon ans Tageslicht und der Betreiber des Residenzbuffetts Seestraße, Paul Wehn, bewarb sich um Genehmigung eines Imbisses in diesen heiligen Hallen. Dies wurde jedoch kategorisch abgelehnt, wie auch die Forderung der städtischen Straßenbahn die Halle mit Windfangtüren zu versehen um Zugluft zu vermeiden. Auch die Inneneinrichtung fiel spartanischer aus, als wie im schon abgespeckten Plan. Ein angedachter Schalter für den Fahrkartenverkauf im Innern fiel weg, die Sitzbank wurde einfach und nicht durchbrochen ausgeführt und die Rückwand selbst sollte so gestaltet werden, dass später vielleicht doch noch einmal alles wieder richtig gebaut werden kann, Letztlich einigte man sich gar noch, die Wartehalle in Fertigteilen zu errichten um Zeit und Kosten zu sparen. Glücklicherweise wurde zumindest davon Abstand genommen. Wahrlich, ein wirklicher Interimsbau. Nach der Versetzung des Cholerabrunnens und dem Aushub der Baugrube für das Kellergeschoss wollte nun die Bevölkerung wissen was dort eigentlich entsteht und sich nicht mit so einer lapidaren Meldung, dass Platz geschaffen wird für eine neue unterirdische Bedürfnisanstalt und anderer geplanter Bauten, abgespeist werden. Und so schockierte der Dresdner Anzeiger am 7. Dezember 1927 seine Leserschaft mit diesem Modell und einem längeren Artikel, in dem es unter anderem heißt:

    "...Der Entwurf für das neue Verkehrshäuschen stammt vom städtischen Hochbauamt. Von vornherein mußte Rücksicht genommen werden auf den beschränkten Platz und auf die glatte Abwicklung des sich ständig verdichtenden Verkehrs. Anträge auf Einbau von Läden (es wurden Zigaretten-, Würstel-, Schokoladenstände, ja sogar ein Schnellrestaurant gewünscht) wurden von vornherein abgelehnt.   ....   Das Dach des Neubaues selbst ist rund gehalten, um die Halle für den Platz Richtungslos zu machen und um nicht mit der Halle den ja späterhin doch einmal notwendig werdenden Baufluchtlinienänderungen einzelner am Platze gelegener Gebäude vorzugreifen."4)

Da haben wir ihn, den Schachzug der kreisrunden Gestaltung um eine weitere Ablehnung vorzubeugen. Während der Wintermonate, die Straßenbahn fuhr längst wieder über ihre neuen Gleise auf dem Postplatz, wurde am Gebäude gewerkelt und schließlich in den Mittagsstunden des 31. März 1928 der Öffentlichkeit übergeben. Ob nun der Herr Oberbürgermeister als erstes die Wartehalle betrat, eine kleine Rede hielt oder gar zunächst die Bedürfnisanstalt benutzen durfte ist nicht überliefert.

Überliefert sind aber die Kosten für dieses Bauwerk. In der Gesamtratssitzung des Dresdner Stadtrates am 13. September 1927 wird unter Punkt 7 zunächst erst einmal der Bau des Verkehrsgebäudes nebst der mitvorgesehenen Bedürfnisanstalt genehmigt und auch eine Kostenbewilligung von 54.000 Mark beschlossen. Davon entfielen auf die Fertigung des Kellergeschosses samt Umspannstation und Bedürfnisanstalt 28.950 Mark und auf den Hochbau 23.115 Mark. Der Rest war für notwendige Kleinarbeiten veranschlagt. Wenn man betrachtet das der Umbau des Postplatzes 162.000 Mark kostete waren letztlich die zusätzlichen 54.000 Mark für eine Wartehalle, das sind ein Aufschlag von genau ein Drittel, wahrlich "Peanuts". Für dieses Geld, ich meine das des Baus der Wartehalle, bekam man zu dieser Zeit schon ein schmuckes Eigenheim. Na gut, nicht in dieser Lage und auf eine öffentliche Bedürfnisanstalt im Keller hätte man auch verzichten müssen.
Übrigens. Schon recht bald bekam der Bau den Beinamen Käseglocke. Das wahr nicht immer liebevoll gemeint, wohl als Anlehnung an den Spottnamen Senfbüchse für das bei seiner Entstehung ebenfalls viel gescholtene Josef Hermann Denkmal in Loschwitz. Auch machten sich in einigen "Briefen aus dem Publikum" in den damaligen Tageszeiten Dresdner Mitbürger über den unmöglichen Bau mitten auf dem Postplatz ihren Unmut Luft, was in einer Eingabe eines Dresdner Bürgers (auf der Seite über den Weichenstellturm ist schon einmal darüber geschrieben), besonders gut zum Ausdruck kommt:

    "Bei dieser Gelegenheit möchte ich meine Äußerung abgeben, die sich deckt mit der Ansicht anderer: Über die Notwendigkeit einer Wartehalle auf dem Postplatz kann man geteilter Ansicht sein, sie wird nur zusammenballend wirken statt zu dezentralisieren. Bei schlechtem Wetter ziehen sich die Menschenmassen zusammen und dann geht das jagen los über die Fahrbahnen, wenn am Fernsprechamt die Wagen ankommen. Ich habe früher schon einmal direkt bei der Straßenbahn - Verwaltung angeregt, alle Inselbahnsteige zu überdachen, leicht, zierlich, an allen Seiten offen, das genügt für ein Warten von etwa 5 - 7 Minuten. Aber an der Theaterstraße regt sich nichts Fortschrittliches..."5)

Mit der Theaterstraße war wohl die Verwaltung der städtischen Straßenbahn gemeint, welche im dortigen Stadthaus ihren Sitz hatte. Parallelen zur heutigen Zeit sind da rein zufällig, aber nicht ganz auszuschließen. Viel interessanter ist jedoch die Bemerkung über die von ihm gedachten Inselbahnsteigen. Den Bahnsteig überdachend, leicht und zierlich, eben taumelnd wie ein Schmetterling. Nicht desto trotz, wie wohl die meisten Interimsbauten wurde dieser Wartehalle ein besonders langes Leben beschieden und anher ist zu bemerken, dass sich diese Wartehalle wohl zum markantesten Gebäude auf dem Postplatz und gar zu einem beliebten Fotomotiv entwickelte, wie nebenstehende Aufnahme von Walther Hahn, sich befindlich im Archiv der Deutschen Fotothek, zeigt, in welchem ebenfalls das obenstehende Foto, ein Ausschnitt daraus, vorhanden ist.
Während in der Bombennacht alle Gebäude um den Postplatz herum zerstört wurden, kam das Verkehrshäuschen mit nur leichten Beschädigungen, vornehmlich in der Verglasung, davon und bot wenigstens ein bisschen Schutz in der vorhandenen Trümmerwüste. Das links nebenstehende Foto, auch den Beständen der Deutschen Fotothek, zeigt ein typisches Situationsbild dieser Tage. Auch typisch ist die Nutzung des Gebäudes als Träger für propagandistische Werbetafeln. Mehr noch, das Wartehäuschen bekam ein ähnlich aussehendes Gegenstück an der Sophienstraße, der so genannte Agitationspavillon. Dieser verschwand erst mit dem Neubau des Hauses der Gastronomie, der HOG Am Zwinger. Das Verkehrshäuschen selbst bekam später noch eine Lautsprecheranlage auf dem Dach und auch ein Fahrkartenschalter wurde schließlich eingebaut. Dieser befand sich allerdings nicht im Inneren, sondern an der östlichen Gebäudeseite. Vor etlichen Jahren wurde das Verkehrshäuschen seiner Funktion als Wartehalle entwidmet, nachdem schon die Bedürfnisanstalt längst nicht mehr vorhanden ist und durch die Dresdner Verkehrsbetriebe, der Nachfolgerbetrieb der städtischen Straßenbahn, ein Servicepunkt eingerichtet. Dabei bekam das Gebäude eine Frischzellenkur, die meiner Meinung aber nicht voll befriedigend war, der Charme der Eigenartigkeit ging verloren, es wurde eine reiner und steriler Verkaufsraum, damit notwendigerweise in den Zeiten wo er nicht besetzt war abgeschlossen, wie er überall in der Welt hätte stehen können. Als Treffpunkt eignete sich das Gebäude kaum noch. Mittlerweile ist auch das Geschichte. Der Servicepunkt ist geschlossen. Gegenwärtig hat man wieder einmal ein wenig daran herumgebastelt und die Eingangstür versetzt. Was bringt die Zukunft für das Häuschen? Man stelle sich vor es würde abgerissen. Das Feuer und Mordiogeschrei gegen den Abbruch eines einstigen Interimsbau, einst ungeliebt und mit einem heute noch vorhandenen Schmähnamen versehen, später sich dann vom hässlichen Entlein zum wunderbaren Schwan entwickelnd, könnte man sich vorstellen. Doch halt. So abwegig fände ich die Sache gar nicht. Nein, natürlich nicht Vernichtung. Abbruch des Gebäudes und Wiederaufbau an einer noch zu bestimmenden und markanten Stelle und Rückversetzung des einst zu diesem Zwecke in eine Nische gerückten Cholerabrunnen, das wäre doch eine zumindest diskutierbare Lösung um die Brache Postplatz ein wenig weiter zu entwickeln.