Das Haus der Gastronomie  


Stolz präsentiert der Architekt Günther Müller das Projekt einer Großgaststätte, wie sie an der Ecke Ernst Thälmann Straße/Sophienstraße entstehen sollte. Entnommen ist das Foto einer Ausgabe der Dresdner Stadtrundschau dieser Zeit und mit einem eigenen Bild vom jetzigen Aussehen verknüpft. Zunächst musste aber erst einmal Baufreiheit geschaffen werden. Obwohl die Ruine der Sophienkirche einige Jahre vorher abgerissen wurde (eine separate Internetseite berichtet darüber), kam das Gebäude nicht an deren eigentlichen Grundriss heran, wie fälschlicherweise immer wieder behauptet wird. Das kann man nun besonders gut an den hergestellten Grundriss des einstigen Gotteshauses sehen und auch Matthias Lerm schreibt in seinem exzellent aber streitbar geschriebenen Buch "Abschied vom alten Dresden":

    "Außer einem kleinen Parkplatz legte man auf dem Grundriß der Kirche anschließend eine Rasenfläche an"1)

Jedoch mussten die Kellerräume der einstigen Grundstücke im Areal an der Sophienstraße, der Großen Brüdergasse und der Ernst Thälmann Straße tiefgründig ausgebaggert werden und auch der in den 1950er Jahren errichtete Informationspavillon wurde abgerissen. Er stand nicht nur dem Bau einer Großgaststätte im Wege. Begonnen wurde mit dem Bau im Jahre 1965 mit dem Aushub der 3.480 qm großen und vier bis sieben Meter tiefen Baugrube. Gleich danach wurde das Fundament gegossen, infolge des Winterbaues vorgewärmt und herangeschafft von der Mischanlage von der Baustelle des Verlagsgebäudes der Sächsischen Zeitung Julian Grimau Allee, nun wieder Ostraallee heißend. Nach dessen Abbindung wurde die Kranbahn gefertigt, der Kran aufgestellt und mit weiteren Einschalungen begonnen. Ein knappes Jahr später waren das Skelett dieses Baues schon bis zur Oberkante fertig gestellt wie dieses Bild aus der Stadtrundschau Nummer 47 des Jahrganges 1965 zeigt. Man ging zur Fertigung der Zwischenwände über. Neben den üblichen Beton legte man allerdings auch Wert, und das war ein Novum im Gesellschaftsbau der damaligen Zeit, auf Einsatz eines einheimischer Baustoff, dem Sandstein. Das ganze wurde als Ergebnis einer Beratung mit Walther Ulbricht gepriesen:

    "...mehr denn je mit der Wahl des Baumaterials unserer Stadt eine eigene Note zu geben (mit) der Verwendung von Elbsandstein"2)

Das wurde jedoch nur an einzelnen Stellen, vornehmlich im Erdgeschoss und am Zwischenbau zu der angrenzenden Bebauung der Wilsdruffer Straße durchgeführt. Ansonsten bekam das 16 Meter hohe und in seiner Grundfläche 54 x 42 Meter messende Gebäude eine damals moderne Stahl - Aluminium - Glasfassade vorgehangen. Der Dachabschluß war Pergolenartig. Wenn ich hier in der Vergangenheit schreibe, so hat das seinen Grund, denn gegenwärtig (20. Mai 2007) wird mit dem Abriss des Gebäudes begonnen, aber dazu später. Sieben Millionen Mark der DDR, damals Mark der Deutschen Notenbank, kurz MDN genannt, kostete das gesamte Vorhaben und wurde am Vorabend des 1. Mai 1967 seiner Bestimmung übergeben und auch damals freudig angenommen, wenn auch der eigentliche Name "Haus der Gastronomie" in der Schlußphase des Baues in "HOG Am Zwinger" umgemodelt wurde und der Dresdner Volksmund zugleich das ganze Gebilde als "Freßwürfel" bezeichnete. Was für einzelne Gaststätten gab es nun im ganzen Hause. Fangen wir im Kellergeschoss an. Ein Bier- und Speiserestaurant befand sich darinnen, mit Eingang von der Wilsdruffer Straße her. Besonders bei den Herren der Schöpfung beliebt, wurde doch an diesen 224 Gaststättenplätzen das beliebte und sonst kaum erhältliche Radeberger Pilsner ausgeschenkt (damals schmeckte es auch noch und ich stehe mit meiner Meinung nicht allein, dass selbiges in den letzten Jahren an Qualität nachgelassen hat. Man sollte vielleicht doch nicht soviel in eine gewisse Werbesequenz stecken, die suggeriert, dass das Getränk am Dresdner Theaterplatz gebraut wird). Auch die dazu erhältliche Kost war zwar DDR typisch aber deftig. Im Erdgeschoss hatte die Selbstbedienungskaschemme, der Name ist bewusst gewählt - da sich hier zumeist die besonders trinkfreudigen Mitbürger aufhielten, Einzug gehalten. In der Zeitungseloge zum Bau des Hauses liest sich das so:

    "Wollen Sie es nur bei einem Schnellimbiß bewenden lassen, lenken Sie Ihre Schritte vom Postplatz aus in die große Selbstbedienungsgaststätte mit  dem üblichen Ticketsystem. Sie brauchen sich hier nicht mehr mit Ihrem Gedeck einen freien Stehplatz suchen, sondern werden es sich auf einem der 282 Sitzplätze gemütlich machen können. Noch mit den ganz wenigen Stehplätzen werden Sie nur bei besonders großem Andrang vorliebnehmen müssen."3)

Also, da muss wenn ich einmal in dieser "Schdeebiebe" drinnen war immer besonders großer Andrang geherrscht haben, denn wenn ich von der 35 Meter langen Ausgabefront im zarten Jugendalter meine Bockwurst und die immer schale Citrosina geholt habe, da waren nur noch Stehplätze übrig oder Sitzplätze mit Tischgenossen mit denen man nicht unbedingt Bekanntschaft schließen wollte. Später dann, als ich auch leichten Alkohol zu mir nehmen durfte, dann nippte ich am Bier für 51 Pfennige. Schmeckte aber ebenso schal wie die Limonade. Außerdem hielt das Erdgeschoss noch zwei weitere Einrichtungen der Gastronomie bereit, das Espresso mit Eisspezialitäten und die Moccabar. Da hielt ich mich in der Regel nicht so auf, das Klientel der alternden Kaffeetanten war nicht so ganz nach meinem Geschmack. Die oberen Etagen hielten wieder ganz besondere Schmeckerlis bereit. Da wäre zunächst zu nennen das Tanzcafé mit seinen 304 Plätzen und einem beeindruckenden Wandbild von H. Gebhardt. Vielleicht könnte man dieses noch erhalten. Dieses Tanzcafé war oft Ziel diverser geleiteter Brigadeausflüge um den Kultur- und Sozialfond zum Jahresende oder zu Festivitäten zur Verleihung oder Verteidigung des obligaten Titels "Kollektiv der sozialistischen Arbeit" wieder auf Null zu fahren und das Weinrestaurant mit Grillbar für die gehobenere Gesellschaft mit einer Kapazität von 139 Plätzen. Schließlich unterm Dache das Terrassencafé mit 120 Plätzen. Später tobte sich dort die Jugend, also auch ich, im umgestalteten Jugendcafé Festival aus. Karten bitte vorher besorgen, mit Anstehen bei Mode-Helfer in der Schäferstraße, Nachfragen am Abend zwecklos. Auch für das Personal wurde eine Menge zur Arbeitserleichterung getan, aber das war mitlerweile Standart, wurde nur besonders hervorgehoben. So zum Beispiel Speiseaufzüge und Biertankanlagen (insgesamt 10, sechs für die Dresdner und vier für die Radeberger Brauerei, die Sachsen gehören bekanntlicherweise mit zu den Weltmeistern im Schlucken des edlen Gerstensaftes). Was aber fehlte, das waren die Arbeitskräfte. Ein Teil kam vom ehemaligen Gambrinus, aber Händeringend wurden alle Berufsgruppen des Gaststättengewerbes immer gesucht und die Zeitungen in der Zeit der Eröffnung sind voll von übergroßen Werbeanzeigen doch endlich sich einen Ruck zu geben und aus der nichtarbeitenden Bevölkerung auszuscheren und in diesem tollen Gaststättenkollekiv und diesem tollen Haus mitzuarbeiten.
Man sieht, und dessen gilt es zu erinnern, das Haus war zwar ob seines Baustils nicht gerade als Glanzleistung Dresdner Architektur in der Bevölkerung beliebt, aber in seiner Funktion als Großgaststätte doch recht gut angenommen. Das mit den Jahren die Qualität der Speisen abgenommen hatte lag nicht unbedingt an den Köchen, sondern viel mehr an der prekärer werdenden Versorgungssituation in der DDR im allgemeinen und in Dresden im besonderen begründet. Über die Getränke hatte ich mich schon geäußert. Aus und vorbei. Nach 1990 waren Gaststätten dieser Größenordnung nicht mehr gefragt, man wollte auch endlich etwas anderes, wie den Chinesen, den Italiener und den Griechen ausprobieren und als Schnellrestaurant etablierte sich das eigentlich nicht als gastliche Stätte zu bezeichnende Unternehmen mit dem großen M. Eine Rückkehr war zu spät und so schloss eines Tages der ganze Komplex seine Pforten. Mehr oder weniger dubiose Händler versuchten später im Erdgeschoss ihre Waren an den Mann oder die Frau zu bringen und gar die Spielbank Dresden hatte einige Zeit im Gebäude ihr Domizil. Vor einigen Jahren wurde schon ein erster Teil des Hauses abgerissen und der größere Rest wurde immer mehr ein Angriff von Vandalismus. Nun hat nun wirklich das letzte Stündlein des Hauses geschlagen. Nachdem schon die Inneneinrichtungen entfernt wurden, das Hochwasser im August 2002 sorgte schon in den Kellerräumen dafür, wird nun dieser Tage mit dem vollständigen Abbruch begonnen und in wenigen Wochen wird wohl von der Stätte einstiger Gastronomie nichts mehr zu sehen sein. Ein Kapitel Dresdner Hassliebe verschwindet für immer. Aber was kommt danach? Ein Würfelbau der eigentlich auch nicht viel besser als der Vorgänger sein wird. Wir werden sehen, ob sich dieser dereinst in das Ensemble des neu zu entstehenden Postplatzes tatsächlich einfügen wird, oder ob man mit dem Abriss des Hauses der Gastronomie, alias HOG "Am Zwinger", alias Freßwürfel nicht doch einen Fehlgriff getan hat.