Die Demolation des Wilsdruffer Tores  


Nachdem im Jahre 1760 genauere Pläne über die Niederlegung der Festungswälle ausgearbeitet wurden, sollte eigentlich mit der Demolation begonnen werden. Allerdings legte man das ganze nach dem Hinzuziehen der Urteile einige Generäle ad acta. Diese hielten an eine Stadtbefestigung fest, mehr noch, ließen im Jahre 1778 rings um Dresden noch einige Schanzen anlegen. Auch die gewaltigen Kosten eines Schleusenumbaus (der Stadtgraben wurde von vier Schleusen gespeist, eine davon befand sich am Wilsdruffer Tor) ließen das Projekt der Niederlegung nicht zu. Dresden hatte eben schon immer mit einem leeren Stadtsäckel zu kämpfen. Erst im Jahre 1809 wurde intensiv mit der Niederlegung begonnen. Zwischen den Bastionen Merkur und Saturn, also entlang der heutigen Wallstraße, wurde der Graben aufgefüllt. Zweckmäßigerweise nahm man dazu gleich die Erde von der an dieser Stelle niedergelegten Courtine, dass heißt des Walles. Ein Jahr später wurde auch das Wilsdruffer Tor mit samt des Hersenturmes abgetragen. Zuvor musste allerdings eine neue Röhrfahrt für den Zwingerteich angelegt werden, da der Wilsdruffer Torturm das Reservoire für die Fontäne in sich barg. Mit der Niederlegung des Tores verschwand auch die sich neben dem Torturm befindliche Kapelle. Mit der Demolation der Bastion Saturn wurde zunächst ebenfalls begonnen. Allerdings ging man bei der Demolation der Anlagen am Wilsdruffer Tor nicht gerade akribisch um, warf die Erde samt Reste der Mauer einfach in den Graben ohne ihn besonders zu verfestigen. Auch einen genauen Plan versäumte man zu zeichnen. Ein Umstand, welcher sich später rächen sollte. Der größte Teil des Steinmaterials wurde übrigens nach Torgau verschifft um dort beim Festungsbau wieder verwendet zu werden. Wiederum ein Jahr später verschwand auch die Brücke am Wilsdruffer Tor, der Graben war ja nun aufgeschüttet und ein Weg über den freien Platz zur Wilsdruffer Gasse wurde an dieser Stelle angelegt. Wiederum ein Jahr später kam die Demolation der Festungsanlagen vollständig zum Erliegen und wurde erst nach dem Napoleonischen Kriege fortgesetzt. Geld war, wie nicht nur nach Kriegszeiten sondern eigentlich immer, nicht mehr viel vorhanden und so kam man auf die glorreiche Idee die Dresdner Bürgerschaft mit "freiwilligen" Geldspenden an den Kosten zu beteiligen. Diese Sammlung brachte bis zum Jahresende 1819 immerhin den damals sehr hohen Betrag von 3.485 Talern ein. Die gesammelten Gelder wurden übrigens auch zur Anlage einer Promenade am nun schon ehemalig zu nennenden Wilsdruffer Tor und für die Errichtung des eisernen Gitters entlang des unteren Teiles der Brühlschen Terrasse zwischen dem Zeughausplatz und den damaligen Gondelhafen verwendet. Somit ist auch von dieser Seite der bekannte Daumenabdruck August des Starken als Mär zu sehen.
Nach der Demolation wurden vor allem Promenadenwege und Alleen angelegt, Straßen verbreitert und Röhrfahrten und Schleusen verändert. Eine gewisse Beachtung verdient jedoch im Zusammenhang mit dem vor den ehemaligen Wilsdruffer Tor angelegten Platz das Areal südlich davon. Es war einst geplant, dieses Gelände, der spätere Antonsplatz, als Markt- und Schmuckplatz herzurichten um wohl die dichter werdenden Verkaufsstände vom Altmarkt wegzubekommen. Damit hätte wohl der Antonsplatz dem späteren Postplatz den Rang abgelaufen. Allerdings kam es letztlich nicht dazu, lediglich der Bau der Altstädter Markthalle, welche im Kriege zerstört wurde, erinnerte später noch an das Vorhaben. Bleiben wir aber noch auf den Platz vor dem Wilsdruffer Tor.
Im Jahre 1819 erfolgte die vollständige Demolation der Bastion Saturn. Ein Jahr später wurde diese beendet und der vordere Teil der Annenstraße angelegt. Nun führten auf den freien Platz vor dem ehemaligen Wilsdruffer Tor die Wilsdruffer Gasse aus dem Stadtinneren, die spätere Wettiner Straße als Ausfallstraße in Richtung Meißen, die durchbrochen Annenstraße als Ausfallstraße in Richtung Tharandt und Freiberg. Gleichzeitig das Areal des späteren Antonsplatz und der freie Platz nach der Niederlegung zwischen dem Zwinger und der Kirche des Franziskanerklosters, die spätere Sophienstraße mit dem frei stehenden Adamschen Hause. Die Verlängerung der Ostraallee war schon im Jahre 1818 abgeschlossen worden. Das links nebenstehende Bild zeigt die Anlage vor dem ehemaligen Wilsdruffer Tor nach dem Abschluss der Demolation und man kann hinter der angelegten Allee, welche in etwa die spätere Marienstraße bilden wird, die Grundzüge des heutigen Postplatzes recht gut erkennen. Somit hatte Dresden vor den ehemaligen Toren respektable Plätze bekommen, welche regelrecht nach Bebauung schrieen. Über die beginnende Bebauung des Platzes vor dem Wilsdruffer Tor, so lautete zunächst auch der amtliche Name, wird die nächste Seite Auskunft geben. Lesen wir aber zunächst in einem Reiseführer aus dem Jahre 1829, wie der Verfasser James Schumann über das Areal an der "Abendseite der Stadt", von der Breiten Gasse bis zum Schauspielhause, ins Schwärmen kommt:

    "Der große Raum von der breiten Gasse bis vor das ehemalige Wilsdrufferthor, wo man zu beiden Seiten bedeutend lange Gebäude aufgeführt hat, welche blos aus einem Erdgeschoß bestehen, deren flach gelegtes Dach von dorischen kannelierten Säulen getragen wird, so daß ein recht angenehmer Gang sich längs der Fronte bildet. Auch mit Kellern sind diese Gebäude versehen, und ihrer Beschaffenheit nach zu Putz- und Kramläden geeignet, und schon haben sich diejenigen Handwerker hier angesiedelt, die am meisten des Lichts bedürfen, und am liebsten ihre Werkstätten zur ebenen Erde haben. In deren Mitte beabsichtigt man noch ein großes öffentliches Gebäude, eine große Rotunde für Sehenswürdigkeiten, die häufig hierher gebracht werden, und zu einem Conzertsaal, der in Dresden fehlt . Die Gebäude, die hier ehemals am "Wallgraben" hießen, nun aber hinsichtlich ihrer Hintergebäude "an der Promenade" heißen, haben ihr Ansehen so ganz geändert, und gehören zu den gefälligsten und einträglichsten der Stadt. Auch wurde hier eine neue Straße angelegt, die an den Antonsplatz vorüber, nach der Breiten-, und durch die Wallstraße nach der Wilsdruffer - Gasse führt. Von dem Wilsdruffer - Thor herum nach dem Schauspielhause (damit ist nicht das heutige Schauspielhaus gemeint M.S.) und der Brücke: ein parkartiger Platz, mehrere Gärten mit geschmackvollen Wohn- und Gartenhäusern..."

Nun, davon ist heute nichts, aber auch gar nichts mehr zu sehen. Allerdings war der geschilderte Liebreiz dieser Anlagen auch schon vor der Zerstörung im Februar 1945 nicht mehr vorhanden.