Der Cholerabrunnen  


Wandelt man entlang der östlichen Seite des Postplatzes in Richtung Theaterplatz, so sprudelt es, außer in den Wintermonaten, am der Ecke zwischen dem wieder aufgebauten Taschenbergpalais und dem auf dem Areal der kriegszerstörten und später abgetragenen Sophienkirche hingepflanzten hässlichen Nachwendeneubau, aus einem Brunnen mit gotischem Sandsteinaufsatz. Der Cholerabrunnen oder Gutschmidbrunnen (so die richtige Schreibweise, denn in Akten, Dokumenten und Zeitungsartikeln aller Zeit hat man mit dem zweiten Teil des Namens des Freiherrn immer wieder seine Probleme). Wer war nun dieser Ludwig Alfred Clementin Eugen Freiherr von Gutschmid? Zunächst Königlich Sächsischer Amtshauptmann und Bauherr der heute nicht mehr stehenden so genannten Venezianischen Häuser am Terrassenufer oberhalb des Elbberges und eben Stifter des einzigen Neugotischen Brunnens Dresdens, dem wohl der Schöne Brunnen in Nürnberg zum Vorbild war (nur hat der Dresdner keinen goldenen Ring, dafür vergreift man sich gerne an die angebrachten Eidechslein. Bringt zwar kein Glück, aber immer wieder Verdruss für die Stadtverwaltung). Bekannter wurde er aber eben für seine Stiftung zu einem Brunnen, als Dankbarkeit für die Verschonung Dresdens von der Cholera in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts. Nun, auch der damalige Stadtrat freute sich wenn er etwas geschenkt bekam und genehmigte, nach wohl den üblich langen Diskussionen, dessen Aufstellung auf den entstandenen Wilsdruffer Torplatz. Drei Männer waren am Entwurf und der Ausführung des Brunnens beteiligt, wobei wohl Gottfried Semper als Architekt als am Bekanntesten vorausgesetzt werden kann. Nach dessen Richtlinien entwarf Karl Moritz Seelig das Kleinod und gefertigt wurde es schließlich, zumindest der figurenreiche Aufbau in Form eines in der katholischen Kirche üblichen Sakramenthäuschens, vom Dresdner Bildhauer Franz Schwarz. Übrigens die Schwärze des Steines hat nichts mit irgend welchen Umweltverschmutzungen zu tun, wie oft behauptet wird, sondern ist ein ganz normaler Oxidationsvorgang des Sandsteines der an allen Sandsteingebäuden zu beobachten ist. Kehren wir aber wieder zum Brunnen zurück. Der erste Aufstellort war die gedachte Verlängerung der Wilsdruffer Gasse in den Wilsdruffer Torplatz hinein. Das nebenstehende Bild zeigt diesen Aufstellort mit Blick in die nun so heißende Wilsdruffer Straße. Ja, dieses enge Loch im Hintergrund ist die Wilsdruffer Straße, mit der heutigen Überbreite gar nicht zu vergleichen. Schon bald nach der Aufstellung machten sich Schäden am Brunnen bemerkbar. Nicht nur die bei solch einem filigranen Gebäude üblichen, sondern auch solche die durch die Märzrevolution hervorgerufen waren und, auch das gab es damals schon, Vandalismusschäden. Jaja, die Jugend von heute, auch nicht viel besser als die Jugend von gestern. Allerdings ist nicht überliefert wie viele Frösche und Eidechsen nachgefertigt werden mussten. Überliefert ist aber die Aufstellung des heute noch vorhandenen im Jahre 1869 schmiedeeisernen Gitters zur Abwendung der Verunreinigen des Brunnens und um "muthwillige Beschädigungen" vorzubeugen. Im ausgehenden 19. Jahrhundert waren die Schäden allerdings so gravierend, dass der gesamte Brunnen abgebaut werden musste und nach dessen Wiederherstellung etwas weiter nach Norden versetzt wieder aufgestellt wurde. Damit war allerdings auch eine interessante Planung einer Straßenbahnstrecke hinfällig die, man merke auf, von der Wilsdruffer Straße her kommend nicht mehr gerade zur Wettiner Straße führen sollte, sondern erst den Brunnen in einen eleganten Bogen jeweils links und rechts vorbei umfahren und erst dann in einem Schwenk in die Wettiner Straße einbiegen sollte (siehe Planteil StA 2.3.13. P 7 I). Kommt einen das in etwas anderer Form heute nicht bekannt vor? Nun stand der Brunnen auf der so genannten nördlichen Dreieckinsel und ziert an dieser Stelle die Ansichtskarten der damaligen Zeit, wie das nebenstehende Exemplar zeigt. Es soll aber nicht unerwähnt bleiben, dass man schon im Jahre 1919 eine Versetzung des Brunnens an die jetzige Stelle plante, in Vorbereitung einer hochbaumäßigen Umgestaltung der östlichen Postplatzseite. Die Seite über das Adamsche Haus gibt darüber Auskunft. Ab 1925 wurde intensiv an der verkehrlichen Umgestaltung des Postplatzes gearbeitet, was im Jahre 1927 mit der vollständigen Umgestaltung der nördlichen Teil des Postplatzes forciert wurde. Zunächst ging man von der Beibehaltung des Brunnenstandortes aus. Erst nach der Ablehnung des ersten Wartehallenmodells und der Genehmigung des Baues der so genannten Käseglocke (siehe diese Seite), machte sich nun eine Umsetzung zwingend erforderlich. Man erinnerte sich wohl an den einst 1919 geplanten Standort und beschloss den Brunnen an diese Stelle zu setzen, vorher allerdings wieder einmal zu erneuern. Nach einer gemeinsamen Ortsbesichtigung aller verantwortlichen Stellen am 8. Juni  1927 genehmigte man schließlich die Umsetzung und stellte die ersten Kosten fest:

    "Bei der am 8.ds.Mts stattgefundenen Ortsbesichtigung, an der Vertreter der Verkehrsabteilung des Polizeipräsidiums, der Elt- und Wasserwerke, des Hoch- und Tiefbauamtes teilgenommen haben, sind Bedenken gegen den vorgeschlagenen neuen Standort des Gutschmidbrunnens nicht geäußert wurden"1)

 Mit der Umsetzung verschwand allerdings ein kleiner, an dieser Stelle stehender, Trinkbrunnen. Die tiefbaulichen Kosten wurden mit etwa 3.250 RM veranschlagt. Es blieb natürlich nicht bei der Summe, das wurde dann doch etwas teurer:

    "Wir teilen mit, daß die Kosten für die Versetzung des Gutschmidbrunnens in Höhe von 17.000 RM von der Straßenbahn getragen werden. Der Verwaltungsrat der Straßenbahn hat dem am 1.d.M. zugestimmt. Wir ersuchen um Veranlassung des weiter Erforderlichen und um dringliche Behandlung der Angelegenheit."2)

Ob die Direktion die Umsetzung freiwillig oder zwangsweise bezahlte ist nicht bekannt. Aber es ging nun sehr schnell zur Sache. Zunächst stellte man, nach Abbau des Gitters, einen zwei Meter hohen Bretterzaun auf. Man wollte wohl allzu neugierigen Blicken und Fragen oder gar missliebige Äußerung der "Stimmen aus dem Publikum" vorbeugen. Ein eigens dafür angefertigtes Gerüst hob dann das Oberteil des Brunnens vom Sockel, welches am neuen Standort restauriert wurde. Veranlasste Doppelschichten, man wollte so schnell als möglich aus dem Dilemma Postplatzumbau heraus, und das Nichteintreten erwarteter Schwierigkeiten ließen den Abbau in nur 12 Tagen geschehen. Am 24. September 1927 war der Brunnen verschwunden, am neuen Standort schon wieder teilweise aufgebaut und es konnte mit den Ausschachtungsarbeiten für das neue Verkehrshäuschen begonnen werden.

Seit dieser Zeit steht der Brunnen an der heutigen Stelle. In der Bombennacht wurde er nur leicht beschädigt, während ringsum die Gebäude in Schutt und Asche versanken. In den 1960 Jahren wurde er umfassen restauriert und bekam dabei auch seine während des Luftangriffes abgeschlagene Kreuzblume wieder zurück. Nach dieser kurzen Schadensbeseitigung sprudelte er wieder wie eh und je, wie auf dieser Ansichtskarten aus Zeiten der DDR zu sehen ist. Allerdings traten im Laufe der Jahre wiederum Schäden auf, auch manch Eidechslein verschwand auf mysteriöser Art und im Jahre 1991 machte ich eine grundlegende Sanierung notwendig. Wann kommt die nächste? Wird wohl nicht lange auf sich warten lassen, was jedoch bei einem solch filigranen wasserführenden Bauwerk auch normal ist.
 Auf der Seite über die Wartehalle stellte ich ja am Schluss die kühne Frage auf, ob nicht eine Zurückversetzung an den ehemals zweiten Standort diskussionswürdig ist. Auch auf dieser Seite will ich die den Vorschlag erhärten. Damit würde zwar die Ecke zwischen dem Taschenbergpalais und dem Neubau etwas ärmer, aber der derzeit öde Postplatz um ein Bauwerk reicher, welches nun auch nun nicht mehr störend auf den Verkehr einwirken kann.