Die Bedürfnisanstalt  


Betrachtet man sich alte Ansichtskarten vom Postplatz, insbesondere solche die in oder von Richtung der Oberpostdirektion und vor 1927 aufgenommen wurden, so ist wohl das am meisten fotografierte Gebäude eine kleine Blechbude, die Bedürfnisanstalt. Klar doch. Beizeiten entwickelte sich der Postplatz zu einem zentralen Treffpunkt, Straßenbahnen kreuzten sich man stieg um und das mal schnell im Vorübergehen getrunkene Bier in einen der zahlreichen preiswerten oder gehobeneren Etablissements, vielleicht noch ein kräftiger Zug von einer Zigarre aus dem Laden der Wolf, Gabriel und Co., brachte wohl manch Zeitgenossen in arge Bedrängnis. Abhilfe wurde sehr früh geschaffen und so entstand, nach der Errichtung der Wartehalle, an der südlichen Dreieckinsel - so wurde der Platz südlich der verlängerten Wilsdruffer Straße im Dresdner Amtsdeutsch genannt - eine Bedürfnisanstalt. Betrieben wurde dieses wichtige Örtchen von einer privaten Firma. Bis zum Jahre 1927 diente sie der Erleichterung und dem körperlichen Wohlergehen ihrer Kunden. Allerdings wohl mehr schlecht als recht und galt, wie wohl alle dieser kleinen Büdchen, als anrüchig, ja mitunter auch als Vorlage für Spottbildchen, wie der nebenstehende Ausschnitt aus einer Glückwunschkarte zum Jahreswechsel zeigt. Bezeichnenderweise der Titel: "Dresden im Morgengrauen". Am 1. Februar des Jahres 1927 ging die Örtlichkeit in die Hände der Stadt über und diese machte sogleich eine amtliche Mitteilung im Amtsblatt und in den Tageszeitungen bekannt, nachdem jedermann sein Bedürfnis von 8 - 24 Uhr befriedigen konnte, sobald er bei der Wärterin seinen Obolus von 5 Pfennigen entrichtet hatte. Aber auch an Minderbemittelte wurde gedacht, nein, es wurde kein Nachttopf ausgeliehen, sondern für bedürftige Frauen gab es ein Gratisklo. Ich frage mich nur, wie die Wärterin die Bedürftigkeit - ich meine die pikuniäre - feststellen wollte. Allerdings war das Gebäude nun auch in die Jahre gekommen, vielleicht hat es deswegen die Stadt als Morgengabe erhalten, genügte in keiner Weise mehr den Ansprüchen, stank im wahrsten Sinne des Wortes zum Himmel und Abhilfe musste her. Da kam der im Jahre 1925 begonnene und im Jahre 1927 beschleunigte Umbau des Postplatzes gerade recht. Die Seite über die Wartehalle schreibt ja ausführlich darüber. Und so sollte im geplanten Wartehallenneubau eine unterirdische Bedürfnisanstalt eingerichtet werden. Und ähnlich der gefälligen Form der Wartehalle selbst, war auch das Kellergeschoss in ebensolchen Rundungen geplant. Der nebenstehende Ausschnitt aus der Bauszeichnung zeigt eben dieses Kellergeschoss und in den Anlagen zur Zeichnung heißt es:

    "Die unterirdisch gelegene Bedürfnisanstalt weist eine abgesonderte Pißanstalt für Männer und zwei Abteilungen für Männer und Frauen mit drei bzw. sechs Abortsitzen auf. Zwischen beiden Abteilungen liegt der Raum für die Wärterin. Die Treppenzugänge zu den Aborten sind auf die Rückseite der Wartehalle gelegt worden und sollen kaum in die Erscheinung tretende Schutzgitter erhalten. Durch das weitausladende Dach der Wartehalle ist auch Schutz gegen Witterung für die Treppen erzielt."1)

Da die geplante Wartehalle bekanntlicherweise nicht ausgeführt wurde, hatte nun das Grundstücksamt wiederum ein Problem, musste sich mit ihrem ungeliebten Altbau herumschlagen und monierte, vier Tage nach der Übernahme des Etablissements aus privater Hand, in einem Brief am 4. Februar 1927:

    "Die Bedürfnisanstalt auf dem Postplatz, die am 1.2.1927 in das Eigentum der Stadtgemeinde übergegangen ist, befindet sich in einem äusserst schlechten baulichen Zustand und ist nach Ansicht des Hochbauamtes abbruchreif. Die Anstalt ist auch dem überaus lebhaften Verkehr auf dem Postplatz in keiner Hinsicht mehr gewachsen. Es ist oft zu beobachten, dass sich das Publikum vor der Anstalt anstellen muss. Es ist zu erwarten, dass in allernächster Zeit eine gründliche Instandsetzung und Erweiterung der Anstalt gefordert werden wird. Da jedoch im Hinblick auf den trostlosen baulichen Zustand jeder Kostenaufwand für Instandsetzung als unwirtschaftlich bezeichnet werden muss, ist die Beseitigung und der Ersatz durch ein Verkehrsgebäude dringend erforderlich."2)

Es tat sich allerdings zunächst einmal nichts, der Postplatz wurde umgestaltet und die alte Wartehalle an der einen Ecke, und die vor sich hinmüffelnde Bedürfnisanstalt an der anderen, bleiben zunächst stehen bis das noch heute stehende Verkehrshäuschenprovisorium, auch Käseglocke genannt, mehr aus der Not heraus aufgestellt wurde. Auch darüber wird ja auf einer Seite berichtet. Und unter dieser Wartehalle wurde nun tatsächlich eine neue Bedürfnisanstalt eingerichtet. Das rechts zu sehende Bild zeigt wiederum das Kellergeschoss des Verkehrshäuschens, wobei nur der obere Teil die Bedürfnisanstalt, wiederum eine abgesonderte "Pißanstalt" sowie einen "Dreizylinder" für die Herren der Schöpfung und einen "Fünfzylinder" für die holde Weiblichkeit aufzuweisen hatte. Und die alte Pißbude? Das nebenstehende Foto zeigt das Häuschen unmittelbar vor dem Abbruch und dieser wurde, ebenfalls hochamtlich, in der Presse mitgeteilt:

    "Die öffentliche Bedürfnisanstalt Postplatz muß infolge der Arbeiten zur Umgestaltung des Platzes abgebrochen werden. Die Anstalt wird deshalb ab 15. September 1927 mitternachts geschlossen. Bis zur Fertigstellung der neuen Bedürfnisanstalt wird auf die Bedürfnisanstalt Altmarkt verwiesen."3)

Mit der Eröffnung des Verkehrshäuschen im Frühjahr 1928 konnte man sich nun auch wieder, nun unterirdisch, erleichtern. Diese Anstalt hatte die Wirren der Zeit, einschließlich den Luftangriff, überstanden und stand dem Publikum zu Diensten, mitunter als letzte Rettung in der Not. Allerdings konnte auch diese ihren schlechten Ruf nicht abschütteln, das Alter und mangelnde Pflege und nach der so genannten Wende ein verstärktes Aufkommen von Vandalismus waren ihr abträglich und so müffelte sie, wie schon einst ihre Vorgängerin immer etwas vor sich hin. Im Augusthochwasser des Jahres 2002 soff das Etablissement vollständig ab und wurde schließlich verfüllt. Wer heute auf dem Postplatz ein dringendes Bedürfnis hat. Wehe dem. Denn auch oben genannte Ausweichvariante Altmarkt ist schon längst geschlossen und weit und breit ist kein ähnliches Etablissement in Sicht und so bleibt einem dann nur noch übrig....

...und so sehen die den Postplatz angrenzenden Brachen auch dementsprechend aus.