Das Stadtwaldschlößchen  


Betrachtet man die Canalettoschen Veduten, welche Ansichten vom Postplatz zeigen, so fällt neben dem Wilsdruffer Tor immer wieder auch ein Gebäude ins Auge. Das in stadtwärtige Richtung gesehen links davon stehende große helle Bauwerk. Dieses Haus, welches mit Recht als das bis zu seiner Zerstörung älteste Haus am Postplatz, genannt werden kann. Die Kirche des Klosters, aus der später die Sophienkirche entstand und in einzelnen Teilen noch älter war, befand sich ja nicht unmittelbar am Postplatz, wird aber auch auf diesen Seite Beachtung finden.
Was war das nun für ein Gebäude, welches den meisten Dresdnern eigentlich hauptsächlich als Etablissement, als Lokalität namens Stadtwaldschlößchen, bekannt sein dürfte. Laut der "Dresdenbibel", Löfflers "Das alte Dresden", wurde dieses Gebäude wohl um 1744 erbaut. Der Landbauschreiber Andreas Adam lehnte dieses Gebäude unmittelbar an die Courtine zwischen Wilsdruffer Tor und Kloster an. Nach der Niederlegung der Stadtbefestigung stand das Gebäude nun frei, die Rückfront wurde zur eigentlichen Schauseite, dem entstandenen Wilsdruffer Platz, dem späteren Postplatz zu. Der Haupteingang jedoch befand sich in der Klostertorgasse, welche nach dem 1840 abgebrochen Tor des Barfüßerklosters führte und danach ihren Namen besaß. Später entstand daraus die Sophienstraße. Dieser Haupteingang hatte ebenfalls ein interessantes Aussehen. Über einem schmucklosen Torbogen liefen zwei Lisenen bis zum Gesims des dritten Obergeschosses und bildete ebenfalls einen Bogen am Mezzanin. Leider konnte ich von dieser eigentlichen Vorderfassade bisher kein detailliertes Bild finden. Dieses, nach seinem Erbauer genannten, Adamschen Hauses beherbergte späterhin eine Spiegelschleife und auch unter diesem Namen ist es noch geläufig. Im Jahre 1866 kam aber die Waldschlößchenbrauerei auf die ausgezeichnete Idee neben ihrem Ausschank am Südrand der Dresdner Heide einen Stadtausschank einzurichten. Vermutlich stand dieses Gebäude gerade leer und das Etablissement wurde darin eingerichtet. Die Geschäfte gingen gut, pflastermüde und durstiger Stadttouristen gab es schon immer, und besonders nach der Besichtigung des nahe gelegenen Zwingers tat eine Erfrischung Wunder. Noch noch vor 1900 (nicht erst wie fälschlicherweise genannt im Jahre 1910) fand ein größerer Umbau statt. Das Gebäude bekam einen eingeschossigen Vorbau und somit einen Gästegarten, indem der langsam zunehmende Verkehrslärm nicht mehr ganz so störend auftrat. Auch ein weiteres Lokal wurde auf dem Areal eröffnet. An der nördlichen Seite konnte nun die Dresdner Damenwelt "konditern" gehen, im Stadtkaffee. Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg traten Pläne auf, das ganze Areal niederzulegen um einen Neubau Platz zu machen. Dem Planteil der Sammelakte 2.3.13 P 7 im Stadtarchiv Dresden, liegt eine Zeichnung aus dem Jahre 1919 bei, wo das Stadtwaldschlößchen nebst Stadtkaffee und auch der angrenzende Teil der Sophienstraße verschwunden ist, um einen Neubau Platz zu machen. Zumindest für den Fußgängerverkehr sollte aber ein Durchgang gelassen werden. Noch schlimmer, eine Entlastungsstraße für die enge Wilsdruffer Straße sollte entlang der Sporergasse und des Taschenberges, später gar durch die Kleine oder Große Brüdergasse angelegt werden. In der Begründung dazu heißt es:

    "Nur wenn es gelingt und man sich dazu entschließt, dem jetzt über den Postplatz flutenden Verkehr ganz neue Wege zu erschließen und großzügige Entlastungsstraßen auszubauen oder durchzubrechen, wird man eine Entlastung des Postplatzes ereichen können."1)

Sechs Jahre später hatte man dieses Unterfangen noch nicht aufgegeben, wie eine weiteres Dokument zeigt in dem es heißt:

    "Nach der früheren Planung ... war der Abbruch des Stadtwaldschlößchen und des Stadtkaffees vorgesehen. Diese müßte vor einer Verwirklichung mit Rücksicht auf die von der Polizei angeregte verkehrserleichternde Frage des Rundverkehrs einer Durchsicht unterzogen werden. Die gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnisse lassen den Abbruch in absehbarer Zeit kaum erwarten."2)

Hintergrund war, wieder einmal, der Versuch den Verkehr auf den an sich unübersichtlichen Postplatz mittels eines Kreisels in geordnete Bahnen zu lenken. Man merke auf, es wurde schon damals angedacht barocke Bauwerke dem schnöden Verkehr zu opfern. Glücklicherweise ließ das stets klamme Stadtsäckel dieses Wüten der Spitzhacke nicht zu und die Gebäude hatten noch eine Gnadenfrist bis zum Februar des Jahres 1945. Neben dem Stadtwaldschlößchen und dem Stadtkaffee hatten sich noch andere Geschäftstreibende in das Adamsche Haus eingemietet, darunter, neben einem Friseursalon und ein Tabakgeschäft, auch eine Filiale des überall im Stadtgebiet Dresdens zu findenden Molkereiimperiums der Gebrüder Pfund. Die oberen Etagen des barocken Gebäudes dienten Wohnzwecken. Der Bombenangriff am 13. Februar 1945 ließen vom einstigen Adamschen Prachtbau nichts, aber auch gar nichts übrig. Fotografien, welche unmittelbar nach der Bombardierung aufgenommen wurden zeigen an der Stelle des Gebäudes gähnende Leere. Nur vom einst angebauten Gaststättentrakt standen noch einige Umfassungsmauern. Die Ruinenreste wurden abgetragen und auf dem Areal eine Grünfläche angelegt. Diese bestand bis zur verkehrsmäßigen Neugestaltung des Postplatzes im Jahre 2006. Heute fahren über die zugeschütteten Keller die Straßenbahnlinien vom Postplatz in Richtung des Theaterplatzes. Damit ist der Weg versperrt, irgendwann einmal wieder ein ähnliches Etablissement, einen Biergarten als Oase innerhalb des Verkehrslärmes auf dem Postplatz wieder zu errichten.